Fuchsbandwurm-Fraßköder-Projekt

Füchse im Siedlungsgebiet und der Fuchsbandwurm

Eine Stellungnahme der Gemeinde Gräfelfing zum Fraßköder-Projekt der TU München

Wie im Münchner Merkur vom 26.01.2010 zu entnehmen war, läuft seit 5 Jahren zur Bekämpfung des Kleinen Fuchsbandwurms ein Beköderungsprojekt in Gemeinden des Landkreises Starnberg, im Würmtal und im Isartal. Dabei wurde die Gemeinde Gräfelfing im aktuellen Presseartikel kritisiert, da sie nicht an dem Programm teilnimmt.

Die Gemeinde Gräfelfing legt daher in dieser Stellungnahme dar, warum es für den Gemeinderat und die Verwaltung gute Gründe gab, sich gegen das Beköderungsprojekt zu entscheiden.


Der Wirtskreislauf des Kleinen Fuchsbandwurms

Der Kleine Fuchsbandwurm lebt als Endwirt vor allem im Darm von Füchsen, Marderhunden und anderen Kleinjägern, selten auch im Darm von Katzen und Hunden. Die betroffenen Tiere merken davon selbst bei starkem Befall nichts und werden in keiner Weise beeinträchtigt. Über den Kot der befallenen Tiere werden die Eier der erwachsenen Fuchsbandwürmer ausgeschieden. Diese sind sehr widerstandsfähig, können lange Zeit überleben und Temperaturen von -80°C bis 60°C aushalten. Diese Eier werden von so genannten Zwischenwirten auf-genommen. Beim kleinen Fuchsbandwurm sind das vor allem Kleinnager wie Feld- und Hausmäuse, aber auch Bisamratten. In den Lebern der Zwischenwirte entwickeln sich aus den Eiern die Bandwurmlarven, die so genannten Finnen. Durch diesen Befall werden die Nagetiere soweit geschwächt, dass sie für die Endwirte eine leichte Beute abgeben und gefressen werden. Im Darm der Endwirte, also vor allem bei Füchsen, wächst dann die nächste Generation erwachsener Bandwürmer heran.

In sehr seltenen Fällen können sich auch Menschen mit den Eiern des Kleinen Fuchsbandwurms infizieren. Die Finnen entwickeln sich in diesem Fall sehr langsam, da der Mensch kein idealer Zwischenwirt ist. Man bezeichnet den Menschen bezogen auf den Fuchsbandwurmbefall daher auch als „Fehlzwischenwirt". Die Finnen können ohne Behandlung dennoch langfristig schwere Leberschäden verursachen, wobei Inkubationszeiten von 10 Jahren keine Seltenheit sind. Aufgrund der unauffälligen Symptome und daher seltener und zumeist zu spät eingeleiteter Diagnostik führt ein Fuchsbandwurmbefall (die so genannte „alveoläre Echinokokkose") beim Menschen oft zum Tod. Eine Behandlung ist im späteren Stadium des Parasitenbefalls sehr schwierig, kostspielig und ein Leben lang notwendig. Gleichzeitig ist aber eine Behandlung bei frühzeitiger Erkennung nicht nur möglich, sondern auch sehr erfolgreich.


Überschaubare Risikogruppe

Zum Glück treten schwere Fälle sehr selten auf. In ganz Europa sind von 1982 bis 2000 lediglich 559 Fälle bekannt, in Bayern erkranken pro Jahr gerade einmal 2 Personen. Anhand der bisherigen Untersuchungen ist deutlich, dass weniger die Anzahl der befallenen Füchse, als vielmehr die intensive Arbeit in freier Natur (wie bei Landwirten, Förstern und Jägern) ein Risikofaktor für die Infizierung ist. Auch wurde durch neuere Forschungen herausgefunden, dass ein Kontakt mit Fuchsbandwurmeiern nur sehr selten wirklich zu einer Erkrankung führt. Die genauen Umstände und Dimensionen einer körpereigenen Immunreaktion auf die Aufnahme von Fuchsbandwurmeiern sind aber noch nicht umfassend erforscht. Die ganz überwiegenden Teile bekannter Infektionen entstammen den Risikogruppen land- und forstwirtschaftlicher Berufe, welche einen sehr intensiven und anhaltenden Kontakt zu Füchsen oder ihren Spuren (Kot, Urinmarkierungen) haben.

Seit der erfolgreichen Bekämpfung der Tollwut sind in Deutschland die Bestände des Rotfuchses stark angestiegen, obwohl die Tiere nach wie vor intensiv bejagt werden. Innerhalb der letzten Jahrzehnte wird darüber hinaus eine zunehmende Verstädterung der Füchse beobachtet. In den Vorstädten und kleineren Siedlungen findet der Fuchs viel mehr Nahrungsangebot als im Wald und auf den Feldern, daher sind auch größere Populationsdichten möglich.

Aufgrund dieser Entwicklung gehen einige Wissenschaftler von einer erhöhten Gefährdung für den Menschen aus. Bei immer mehr sich in Siedlungsgebieten aufhaltenden Füchsen würde auch die Ansteckungsgefahr für den Menschen erhöht, so die These, zumal Katzen und Hunde ebenfalls Träger des erwachsenen Bandwurms werden können.

Das von der TU München geplante Projekt wurde in einigen Gemeinden des Landkreises Starnberg sowie einigen weiteren Gemeinden im Münchner Süden durchgeführt. Dabei wurden Fraßköder aus einem niedrig fliegenden Flugzeug abgeworfen. Da dies über Siedlungsgebiet allerdings verboten ist, mussten außerdem zahlreiche Helfer die Fraßköder in Parks, Gärten und sonstigen Grünanlagen von Hand verteilen. In der oben erwähnten Pressemitteilung wurde von den Verantwortlichen eine positive Zwischenbilanz gezogen, da nur noch wenige mit Fuchsbandwurm befallene Füchse gefunden wurden. Dabei bleiben die Berichte die Erklärung mit genauen, absoluten Zahlen vor und nach der Beköderung ebenso schuldig wie den wissenschaftlich fundierten Nachweis der Erheblichkeit dieser Statistik.

Vielmehr übt man sich wiederholt in der fast schon polemischen Kritik an den Gemeinden Gräfelfing und Gauting, die nach gründlichen Beratungen und aufgrund neutraler, wissenschaftlicher Aussagen ihrer Berater in ihren Gemeinderäten gegen eine Teilnahme am Beköderungsprojekt votiert haben.

Nicht nur, dass sich schon vor dem Beköderungsprojekt in Gräfelfing kein einziger befallener Fuchs gefunden hatte und auch seither jede zur Diagnostik eingesandte Kotprobe ohne Befund geblieben ist; vor allem die Aussagen des eingeholten, neutralen wissenschaftlichen Gutachtens des Instituts für vergleichende Tropenmedizin und Parasitologie der LMU München waren der Grund dafür, dass sich der Gemeinderat von Gräfelfing gegen eine Teilnahme am Beköderungsprojekt entschieden hat. Auf die Begründung dieser Entscheidung soll im Folgenden eingegangen werden.

Nach oben


Aufwändige Entwurmung ohne Langzeitwirkung

Die Fraßköder enthalten ein Entwurmungsmittel, welche die erwachsenen Bandwürmer im Darm des Endwirtes abtöten. Sie sind jedoch kein Impfstoff und wirken nur während der Verdauungszeit des Fraßköders, so dass sich die Füchse (und andere Endwirte) wenige Stunden nach Aufnahme eines Fraßköders erneut über mit Finnen befallene Nagetiere infizieren können. Daher muss die kostspielige Köderauslegung langfristig über mehrere Jahre erfolgen, bis alle infizierten Zwischenwirte altersbedingt gestorben oder anderweitig getötet worden sind und die Zwischenwirtpopulationen völlig frei von Finnenbefall sind. Bisamratten zum Beispiel haben eine Lebenserwartung von bis zu 7 Jahren, so dass das Beköderungsprogramm mindestens über diesen Zeitraum aufgelegt sein muss.

Von außerhalb des Beköderungsgebietes können darüber hinaus jederzeit infizierte Zwischenwirte und auch infizierte Füchse einwandern. Eine völlige Sicherheit für Mensch und Tier gibt es also auch durch das Beköderungsprojekt nicht. Stattdessen könnten sich durch das Projekt die Menschen sogar in falscher Sicherheit wiegen und auf die einfachen, unten beschriebenen Vorsichtsmaßnahmen verzichten wollen.

Gräfelfing liegt genau am Rande des Beköderungsgebietes. Die Landeshauptstadt München hat sich bereits frühzeitig deutlich gegen die Teilnahme an einer Beköderung ausgesprochen. Das bedeutet, dass im Falle der Beköderung immer wieder damit zu rechnen ist, dass potentiell infizierte Füchse in das Gemeindegebiet einwandern und den Kleinen Fuchsbandwurm wieder mit einschleppen. Dies trifft insbesondere auf die Gräfelfinger Randlagen mit Gemeindegrenze nach München zu. Wohl aus den gleichen Überlegungen heraus haben sich auch andere Gemeinden gegen ein Engagement beim Beköderungsprojekt entschieden.

Wie im oben genannten Zeitungsartikel erwähnt wird, machen Füchse und Kleinnager nicht an Gemeindegrenzen Halt. Dies trifft allerdings auch nach Beendigung des Beköderungsprojektes auf das von Bandwürmern mutmaßlich befreite Versuchsgebiet zu. Erfahrungen in Untersuchungsgebieten, in denen bereits eine Beköderung durchgeführt worden ist, zeigen, dass die Durchseuchung der Füchse mit dem Kleinen Fuchsbandwurm nach Beendigung der Beköderung sehr schnell wieder zugenommen hat. Aus all dem folgt, dass eine einmal eingeleitete Beköderung vollkommen sinnlos war, wenn sie jemals wieder beendet wird.

Die Kosten, die auf eine Gemeinde bei der Teilnahme an einer groß angelegten Beköderungsaktion zukommen, sind erheblich. Könnte damit das Problem langfristig gelöst werden, wäre eine Teilnahme an einer solchen Aktion sicherlich erwägenswert. Allerdings trifft dies gerade nicht auf das laufende Projekt zu, das bezeichnender Weise ausgerechnet (und ausschließlich) von denjenigen Wissen­schaftlern empfohlen wird, die daran verdienen, also schon ein wirtschaftliches Interesse an der Durchführung des Projekts haben.
Die entsprechende Voruntersuchung der TU München über den Besatz des Gemeindegebietes mit Füchsen und den Befall der Füchse mit dem Kleinen Fuchsbandwurm hat für Gräfelfing keinen Befund ergeben.
Überdies findet die Beköderung in derart großen zeitlichen und räumlichen Abständen statt, dass schon die oben genannten Erkenntnisse über die Lebenszyklen des Fuchsbandwurms eine dauerhaft wirksame Behandlung ausschließen.

Aufgrund dieser Sachverhalte hat der Gemeinderat nach intensiven Beratungen und auf Anraten des Sachverständigen Prof. Dr. Nothdurft (LMU München) schließlich Abstand von der Teilnahme am Beköderungsprojekt genommen. Fachtierärzte und Fachmediziner haben der Gemeinde übereinstimmend hierzu geraten.

Die Entscheidung des Gräfelfinger Gemeinderates ist durchaus mutig, hätte man es doch sehr viel bequemer haben und für mehrere Tausend Euro pro Jahr das vermeintlich lästige Thema ad acta legen können. Gräfelfing ist jedoch weder nachweisbare Risikogemeinde noch wirklich wirkungsvoll beköderbar.

Bemerkenswert ist, dass der Gemeinde auf Anfrage nicht gestattet wurde, Fraßköder auf Nachfrage von dennoch besorgten Bürgern im Rathaus zum Zwecke der Auslegung in Privatgärten auszugeben bzw. zu verkaufen. Dies mag damit zu tun haben, dass das Ködermittel ausschließlich und exklusiv in dem teuer verkauften Beköderungsprojekt ausgereicht wird.

Völlig unabhängig von einer Beköderung ist jedoch allein entscheidend, wie sich die Menschen im Zusammenhang mit potentiellen Infektionsgefahren verhalten.

Nach oben


Einfache und völlig ausreichende Vorsichtsmaßnahmen

Was kann nun jeder Einzelne tun, um das Infektionsrisiko zu minimieren?

In Bodennähe wachsende Früchte und Gemüse sollten vor dem Verzehr gründlich gewaschen bzw., falls möglich, gekocht werden. Bei Temperaturen von über 60°C sterben die Eier ab, wohingegen Temperaturen einer Tiefkühltruhe ihnen nichts anhaben können.

Tote Füchse sollten nicht oder allenfalls mit Einweghandschuhen berührt und für Transport/Entsorgung in Plastiksäcke verpackt werden.

Ein Garten, in dem Früchte und Gemüse geerntet werden, sollte fuchssicher eingezäunt werden. Außerdem sollte darauf geachtet werden, dass sich unter Garagen oder Gartenhäuschen kein Fuchsbau befindet. Nach dem Arbeiten mit Erde (Garten-, Wald- und Feldarbeit) sollten die Hände gründlich gewaschen werden. Das Hände waschen nach dem Spielen im Freien sollte auch Kindern angewöhnt werden.

Haustiere, besonders, wenn sie im Freiland Mäuse fangen, sollten regelmäßig entwurmt werden. Es sollte kein zusätzliches Nahrungsangebot für Füchse geschaffen werden, dass heißt, die Haustierfütterung im Garten sollte so gestaltet werden, dass Füchse nicht mitfressen können. Abfälle sollten so verwahrt werden, dass Füchse sich dort keine Nahrung holen können, desgleichen sollte nicht auf den Komposthaufen gegeben werden, was für Füchse als Nahrung interessant ist. Kurz gesagt: der Garten sollte für Füchse so unattraktiv wie möglich sein.

  • keine toten Füchse mit bloßer Hand berühren
  • keine bodennahen Früchte und Beeren ungewaschen oder ungekocht verzehren
  • eigene Haustiere regelmäßig entwurmen
  • nach dem Aufenthalt im Freien und besonders vor dem Essen Hände waschen
  • keine Haustierfütterung im Freien

Besteht die Befürchtung oder der Verdacht einer Infektion, können vom Hausarzt entsprechende Diagnoseverfahren vorgenommen werden. Dazu gehören die Ultraschalluntersuchung der inneren Organe und die Untersuchung des Blutes auf Antikörper gegen Fuchsbandwurm-Eier. Je eher eine eventuelle Erkrankung festgestellt werden kann, desto besser sind die Heilungschancen.

Für die Bürger, die sich zu diesem Thema weitergehend informieren möchten, bietet die Gemeinde einige Handreichungen an. Bei Interesse kann zusätzlich - wie bereits im Jahr 2005 geschehen - ein Informationsabend mit Experten organisiert werden.

Im Ergebnis ist festzustellen, dass kein Beköderungsprojekt, wie es derzeit verfolgt wird, geeignet ist, das Infektionsrisiko der Menschen signifikant zu senken. Es ist zwar ohnehin sehr gering, kann aber ausschließlich durch individuelles Verhalten beeinflusst werden.

Verantwortungslos wäre das Verhalten der Gemeinde dann, wenn Unmengen Steuergelder verschwendet würden, um die Bürgerinnen und Bürgern in einer vermeintlichen Sicherheit zu wiegen, die im Grunde keine solche ist.

Die Gemeinde Gräfelfing hält daher an ihrer Haltung fest und vertraut auch weiterhin auf den Ratschlag neutraler, kompetenter Wissenschaftler, die auf ihrem Gebiet als führende Fachkräfte bezeichnet werden.

Weitere Informationen gibt Herr Leineweber im Sachgebiet Umweltangelegenheiten der Gemeinde Gräfelfing:
Tel. 089 / 85 82 - 24
E-Mail thomas.leineweber@graefelfing.bayern.de

Nach oben

Aktuelle Termine

Mo Di Mi Do Fr Sa So
18 30 1 2 3 4 5 6
19 7 8 9 10 11 12 13
20 14 15 16 17 18 19 20
21 21 22 23 24 25 26 27
22 28 29 30 31 1 2 3
Kultur & Freizeit
Verwaltung

Keine Termine gefunden