Informationsabend "Job meets Refugee" war konstruktive Ideenbörse

24.02.2016

„Der heutige Abend möchte Brücken bauen und Menschen zusammenbringen“, so Moderator Werner Plettner, Vorsitzender von „Wir in Planegg e.V.“, in seiner Begrüßung der rund 200 Besucher im Bürgerhaus am 22. Februar 2016. Und da hierzu unterschiedlichste Fragestellungen und inhaltliche Aspekte gehören, wurde es ein sehr vielfältiger, themenreicher Abend mit fünf Sachvorträgen und einer ausführlichen Diskussions- und Fragerunde.

„Ich freue mich, dass das Thema auf so große Resonanz stößt“, lobte Bürgermeisterin Uta Wüst. Im gut gefüllten Bürgerhaus begrüßte sie als Gastgeberin in Gräfelfing die Unternehmerinnen und Unternehmer. „Die Arbeitsmarktintegration der Flüchtlinge ist mit das wichtigste Thema einer gelingenden Eingliederung in unsere Gesellschaft. Nur wer einer regelmäßigen Beschäftigung nachgeht und sein eigenes Geld verdient, hat auch eine  sinnvolle Perspektive.“

Hier schloss auch Landrat Christoph Göbel an: „Integration braucht Chancen. Als einer der leistungsstärksten Wirtschaftsstandorte in Deutschland sind wir natürlich auf die Themen Qualifizierung, Ausbildung und Beschäftigung von Flüchtlingen fokussiert. Sie bringen oft erstaunliche Fähigkeiten mit. Unsere Aufgabe ist es, diese festzustellen und gewinnbringend einzusetzen – zum Wohle aller.“ Die Idee kommt an – es seien im Landkreis bereits weitere solche Infoabende geplant, so Göbel.  

Gemeinsam mit den Wirtschaftsförderungen der Gemeinden Gräfelfing, Planegg und Neuried hatte der Landkreis München das Format „Job meets Refugee“ ins Leben gerufen und Würmtaler Unternehmerinnen und Unternehmer dazu eingeladen. Ziel war es, eine lebendige Plattform für Wissenstransfer zu bieten, vor allem aber auch für eine weitere Vernetzung. „Zwar können wir sicher nicht alle Fragen zur Beschäftigung von Flüchtlingen in der Tiefe klären, doch wir können als Vermittler auftreten und passende Ansprechpartner für eine weitere Kontaktaufnahme nennen“, so Wirtschaftsförderin Sabine Strack. Dazu dienten auch die Infostände im Saal, an denen Zuhörerinnen und Zuhörer sich im Anschluss an die Vorträge informieren konnten.


Ein „kulturelles Orientierungspraktikum“ als erster Schritt in die deutsche Arbeitswelt

Wie ticken deutsche Chefs? Welche Regeln gelten in den Betrieben? Für ausländische Arbeitnehmer, die eine Stelle neu beginnen, sind die Konventionen oft nicht so klar. Hier kann ein kulturelles Orientierungspraktikum helfen, das für Arbeitgeber und Arbeitnehmer eine erste Brücke baut. Das Konzept stammt von der Gräfelfingerin Ute Zima (Zima Projekte), die in den vergangenen Monaten bereits über 20 Praktika erfolgreich vermittelt hat. „Aus Leistungsempfängern müssen wir Leistungsträger machen“, so Ute Zima. „Es ist für beide Seiten lohnenswert, sich auf diesen Weg zu begeben. Denn die Flüchtlinge bringen ungeahnte Talente mit, die den Unternehmen im Würmtal nutzen können. Beispielsweise haben wir Flüchtlinge, die mehrere Sprache sprechen. Allein das ist schon ein Potenzial, das sich einsetzen lässt.“

„Uns fehlt der Nachwuchs“, so Thomas Landshammer von der Gräfelfinger Firma Landshammer Haustechnik GmbH. „Daher sind wir sehr aufgeschlossen gegenüber der Beschäftigung von Flüchtlingen. Wir sind heute Abend hier, um uns zu informieren. Ein Schnupperpraktikum ist sicher für beide Seiten ein sinnvoller Weg, um Erwartungen und Bedingungen abzuklären.“

 

Integration durch Qualifizierung

Prof. Dr. Claas Triebel von der PerformPartner PartG präsentierte das Förderprogramm IQ, das sich als bundesweites Netzwerk mit wirtschaftlichen Aspekten der Zuwanderung befasst. „Die Zuwanderung kann demographische Lücken ausgleichen, das bestätigen Studien“, so Prof. Triebel. „Es ist nicht die Frage, ob wir Zuwanderung brauchen, sondern nur, wie wir sie gestalten. Beispielsweise gehört dazu als Grundlage die individuelle Standortbestimmung des jeweiligen Zuwanderers mit der Frage „Was kann ich?“. Ein Kompetenzfeststellungs-programm könne dabei helfen, ebenso Anerkennungs- und Qualifizierungsberatung. „Es gilt, nachhaltige interkulturelle Öffnungsprozesse anzustoßen“, so Prof. Triebel. Auf einem solchen Weg sei man beispielsweise mit dem Münchenstift, in dem Flüchtlinge in der Altenpflege eine Beschäftigung finden.

 

„Wir bringen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen“ - www.jobs4refugees.org

„Seit September 2015 unterstützen wir Flüchtlinge bei der Suche nach einem Arbeitsplatz in Berlin und München. Wir treten dabei mit Arbeitgebern in Kontakt und helfen ihnen, passende Kandidaten für ihr Unternehmen zu finden. Sobald wir einen Flüchtling vermitteln konnten, kümmern wir uns um die Arbeitserlaubnis und sorgen für eine effektive Kommunikation zwischen allen Beteiligten“, so Christian Klugow von der Internet-Plattform jobs4refugees.org. „350.000 Flüchtlinge kann laut Studien der deutsche Arbeitsmarkt aufnehmen. Dazu sind allerdings gute Deutschkenntnisse eine notwendige Basis.“ Ein positives Beispiel sei Chikezie Anyaehie, der erfolgreich an die Firma Munich Composites vermittelt werden konnte. „Wir verfolgen einen sehr pragmatischen Ansatz“, so Klugow.

 

„In der Zielgruppe liegt eine enorme Chance“

Um die rechtlichen Rahmenbedingungen und praktischen Herangehensweisen bei der Beschäftigung von Flüchtlingen ging es im Vortrag von Astrid Blaschke vom Bayerischen Netzwerk FIBA. Sie erläuterte, wie das Asylverfahren abläuft, wie der Arbeitsmarktzugang erfolgen kann und welche Ausbildungsmöglichkeiten Asylbewerbern offen stehen. Sie verwies auch auf Möglichkeiten der Förderung durch die Bundesagentur für Arbeit. Auskünfte erteilt das Sozialreferat der Stadt München, Amt für Wohnen und Migration, bei dem die Netzwerkkoordination FIBA 2 angesiedelt ist.

 

„Wir möchten lokal helfen“

Als „Bayern mit Migrationshintergrund“ bezeichnete sich Marko Maschek in seinem Vortrag zu seinem Stiftungsprojekt HRHY (Help Refugees to help Yourself). Der Unternehmer lebte jahrelang in Boston, bevor er mit seiner Frau nach Gräfelfing übersiedelte. Beide wüssten aus eigener Erfahrung, was es heisst, sich in einer vollständig neuen Umgebung zurecht zu finden. Einen wirklichen Zugang zur Gesellschaft erhalte man nur, wenn man sinnvoll beschäftigt sei. Die Plattform HRHY vermittle darum anerkannte Flüchtlinge mit festgestellten Fähigkeiten als selbstständige Dienstleister für Alltags- und Familientätigkeiten. Alle Dienstleister könnten sich auf Deutsch oder zumindest Englisch verständlich machen und hätten mindestens einen Hauptschulabschluss. „Manche haben sogar studiert oder in ihrem Heimatland ein Handwerk gelernt“, so Marko Maschek. „Wir haben für die Kunden ein Bewertungssystem eingeführt, nach dem sie die empfangene Dienstleistung beurteilen können. Das halten wir für sehr sinnvoll – auf Dauer kann das bei einem vollständig fehlenden Lebenslauf diesen sogar ein wenig ersetzen.“

In der anschließenden Diskussion kamen verschiendenste Aspekte des Themas zur Sprache. So sei zu beachten, dass der Mindestlohn natürlich auch für Flüchtlinge gelte. Außerdem sei es bei Praktika wichtig, dass die Tätigkeiten auf die zukünftigen Kenntnisse eines deutschen Ausbildungsberufs abzielten. „Die Praktikanten sollen nicht als Spüler eingesetzt werden“, so Ute Zima. Sie lud die Zuhörer ein, mit den Flüchtlingen auch direkt in Kontakt zu treten – beispielsweise über den Helferkreis. „Sie werden sehen, die ticken gar nicht so viel anders als wir. Sie wollen genauso für ihre Familien sorgen, sicher leben und ein Auskommen haben. Wir sollten sie in unser Leben lassen, denn nur das ist echte Integration.“